Rodeo 2026

Vor vier Tagen endete der zweiteilige Rückblick auf das Jahr 2025. Das Fernrohr ins Jahr 2026 zeigt die unbändige Kraft eines Pferds, aber auch die Kühnheit des Cowboys, der sich nicht abwerfen lässt. «zuerivitruv» sieht heute keine bessere Metapher für das kommende Jahr und die kommende vierjährige Legislatur. Wäre «zuerivitruv» Regisseur, würde die Rolle des wilden Pferds mit den Grossimmos besetzt und die des tapferen Cowboys mit unserer Stadtverwaltung.

Darum herum rankt sich viel Schicksalshaftes, wie der Abschluss der Beratungen der Gemeinderatskommission über die neuen Hochhausrichtlinien und das Resultat der Wahlen mit Erneuerung im Stadt- und Gemeinderat. Für uns von Interesse ist das freiwerdende Stadtpräsidium mit dem Ressort «Stadtentwicklung» und das ebenfalls freiwerdende Hochbaudepartement mit dessen «Amt für Städtebau». Die Spannung ist nach schwachen Jahren des Cowboys gross, die Erwartung hoch. 

Um gleich klarzustellen: Beide Akteure sollen mehr als überleben, beide sind die wesentlichen Kräfte der Stadtentwicklung. Es geht um ein erfolgreiches Zusammenraufen mit dem Ziel, die Stadt im weiteren Wachstum in jeder Hinsicht zu verbessern. Der praktische Teil besteht bis zu den Wahlen vom 8. März darin, Kandidaten und Kandidatinnen, die unsere nächste Zukunft gestalten, schonungslos zu prüfen. Wir fordern im Rodeo der Kräfte eine starke Stadt. Dürfen wir hoffen, dass die Presse uns hilft und in den kommenden Interviews die relevanten Fragen stellt?

Wir wollen den Gesamtstadtrat als Team in der aktiven Entwicklung einer guten Zukunft sehen. Dann sind wir auch gerne bereit, nach unseren individuellen Möglichkeiten beizutragen. Wir wollen erleben, wie Gestaltungsfreude den kleinen Zank überflügelt.

2025

Hier kommt der zweite Teil «2025» daher. Wir beginnen mit dem Durchbruch an der Hardbrücke. Zürich West kann jetzt nach jahrzehntelanger Verspätung seinen Zentrumsbereich gestalten. «zuerivitruv» forderte das bereits im Jahr 2001. Fehlplatzierte Tramgeleise müssen aus dem Stützenbereich herausgenommen werden, um unter der Hardbrücke eine Säulenhalle zu ermöglichen und die bisher getrennten Quartierteile zusammenzuführen. Bild: IG Hardbrücke/Hochparterre.

Philosophisch gesehen, haben wir begriffen, sich aufdrängenden Evolutionen nicht in den Weg zu stellen. Vom Expressstrassen-Y (dem amerikanischen Stadtfrass durch Autobahnen) haben wir längst gelöst. Heute müssen wir einsehen, dass das Hochhaus das falsche Mittel ist und uns der Verdichtung im wertvollen Stadtgewebe zuwenden. Wir werden in den nächsten Monaten sehen, ob die gemeinderätliche Kommission sich vom alten Ufer löst, freischwimmt, und sich mutig den Zukunftsfragen stellt.

In den Sommerferien sind wir ins Reich der Farben getaucht und in der Ausbreitung der grauen Sauce verunsichert worden um zu sehen, wie die Farbe dem Gemüt hilft. Noch schlummert in Zürich diese Facette der Stadtgestaltung. Im farbigen Garbatella von Rom hat sich das Städtebautalent in den inneren Freiräumen der Baublöcke gezeigt: Plätze und Bäume statt Teppichklopfstangen und Zäune.

Der Oktober brachte Demonstranten vor dem Mailänder Dom, die sich gegen den Hochhausfrass in die Quartiere hinein wehren. Und bei uns ging der Wildwuchs der Türme trotz fehlender städtebaulicher Begründung weiter. Die Festung der Begünstigung von Grossinvestoren ist längst sturmreif. In Zürich wie in Mailand.

Sehr schön (und zukunftsträchtig) war die Thematisierung von Raumgeborgenheit – der Gestaltung von wertvollen Aussenräumen zwischen den Bauten. Hier kommt mit neuen Anlagen ein schöner Anfang aus dem Tiefbauamt.

2025: 5 Jahre zuerivitruv und 1000 Follower

Darf «zuerivitruv» zum Dank auf eine Jahr-quer-Bimmelbahnfahrt einladen? Das vergangene Jahr hat uns viel beschäftigt; es ist uns aber auch vieles klar geworden. Das Wichtigste: Es darf nicht so weitergehen! – Zürich verliert im Wachstum. Eine Chronologie auf den Zeilen eines Postings kann nicht gelingen, doch vielleicht ein Destillat des Jahres. Hier der erste von zwei Teilen: 

Die Tramdepot-Türme mit der Zerstörung im Limmatraum und der Kasernierung von Familien haben uns erschüttert. Das zuständige Departement erhält im nächsten Jahr eine neue Leitung auf Stadtratsebene.

Die Energie/Klima/CO2-Frage verlangt in der nächsten Legislatur, was der ehemalige «Stadtwanderer» Benedikt Loderer «Neuvermessung des Oberstüblis» nannte. Wir haben Leitfiguren kennengelernt: Jan Gehl (Dänemark) für menschengerechten Städtebau, Carlos Moreno (Paris) für die verkehrsmindernde 15-Minutenstadt und von Wissenschaftern (UK, USA) das Papier, das «low rise/ high density» als energetische beste Lösung für energiearme Stadtkörper vorschlägt.

Die Festnahme von Europas Kokainkönig im Mobimo-Tower hat uns die Anonymität des Hochhauses vor Augen geführt. Wir haben dann mit dem ausufernden Stoppelfeld der Hochhäuser gesehen, wie das Stadtbild den Geist spiegelt, der es vor 25 Jahren implementierte und der es seither fördert oder duldet (Bilder aus dem Stadtmodell). Um die Absenz von Stadtplanung zu sehen, genügen die je 35 Jahre Stillstand auf dem Kasernenareal und in der Gestaltung des Limmatraumes nach dessen Befreiung aus der Industriezone. Als gutes Beispiel ist uns Emil Klöti, 1906-42 Stadtrat und Stadtpräsident, begegnet, der engagiert und umfassend für die Stadtentwicklung sorgte – in sozialer, qualitativer und gestalterischer Hinsicht. Wir hoffen, dass sein Licht in die Wahlen im März 2026 hineinleuchte.       

1000 Follower

«zuerivitruv» hat zur Weihnachtszeit die Grenze von 1000 Followern auf der Internetversion überschritten. Nach 5 Jahren Aktivität herrscht jetzt grosse Freude. Mit Ihrem Interesse an der Gestaltung unserer Stadt Zürich geht der Dank an Sie. Wir wollen mehr als nur gerade Bauerei. Sie erkennen und unterstützen den Gedanken, dass nicht nur Kubikmeter und Franken eine Rolle spielen sollen. Im Fokus liegt für uns eine gute, schöne und lebenswerte Stadt.

Wir sehen das Ganze in einer jahrhundertlangen Kontinuität von den Stadtmauern über die Quaianlagen bis zum Bauen im heutigen Boom. Mit Jahrzehnten der Schwäche von Städtebau und dem Fehlen von diesbezüglicher «Urban Governance» verspüren wir – damit die Freude zurückkommt – die Notwendigkeit die Gestaltung der Stadt wieder zum Thema zu machen. 

In der laufenden Auseinandersetzung über die vergangenen Jahre haben wir gelernt, «den Puck» besser zu sehen. Das konnte uns auch einmal nach Notting Hill (London, März 23) führen oder nach Garbatella (Rom, September 25). In Zürich ist die im Dezember 21 auf «zuerivitruv» erstmals formulierte Idee einer Umwandlung des quartiertrennenden Stützen- und Pfostenwaldes unter der Hardbrücke in eine Säulenhalle, die dem Zentrum von Zürich West dient, im letzten Sommer aufgenommen worden. 

Getragen von Ihrer Unterstützung, die die tolle Zahl gebracht hat, kann «zuerivitruv» mit Optimismus ins kommende Wahljahr blicken.

LOVE & urban Governance

David Sim ist Nachfolger des weltbekannten dänischen Experten für Städtebau Jan Gehl und spinnt den Faden weiter. Der Pfad wird immer klarer. Aus allen wesentlichen und in unserer Epoche relevanten Gründen drängen sich energetisch sanfte und in sozialer Hinsicht geeignete Interventionen im Städtebau auf. Jahrzehntelange Erfahrungen mit allen möglichen Konzepten oder dem Wildwuchs liegen zu unseren Füssen. Gehl und Sim haben sie aufgearbeitet und sind empfehlend auf unserem ganzen Globus tätig. Um den Rank nach Zürich zu finden: Hier geht es vor allem um die Form der Verdichtung innerhalb der bestehenden Stadtgrenzen.

Im Vergleich zu Paris haben wir erst ¼ der dort herrschenden Dichte. Wer da glaubt, bei uns sei das (diruptive) Hochhaus notwendig, muss zur Kenntnis nehmen, dass Paris ohne Hochhaus die genannte vierfache Wohndichte aufweist. Die klugen europäischen Städte verzichten aufs Hochhaus – die isoliert stehenden Türme – und engagieren sich im belebten Stadtgewebe, verdichten und akzentuieren es. Man ist dann bei den Leuten und baut für sie. Das hat auch Zürich so gemacht bis nach etwa 2010 ausgehend von der Stadt den Grossimmos zugedient wurde. Mit dem Resultat der Verbreitung von anonymem Silowohnen und im Stadtbild dem Hochhaus-Stoppelfeld.

Zürich befindet sich – das lässt sich nur mit langjährigem Überblick feststellen – in qualitativer Hinsicht auf Talfahrt. Da herrscht das abgehobene Planungsgehirn, für das das linke Bild steht. Für das eher kleinteilige aber belebte Stadtgewebe steht das rechte Bild. Es ist wohl klar, dass «rechts» mehr Zuwendung in Form einer Stadtplanung braucht, die den permanent laufenden Bauprozess begleitet und im Interesse der Bevölkerung formt. Mit den bevorstehenden Wahlen hoffen wir auf die Organisation einer Zusammenarbeit an Stelle der bisherigen Opferrolle.

Klopstock

Der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock ist für seine Zuwendung zu unserer Stadt mit der Klopstock-Strasse belohnt worden. Die Ode «Der Zürchersee» geht auf einen Besuch unserer Stadt im Jahr 1750 – zur Zeit von Johann Jakob Bodmer – zurück. Diese einleitende Überhöhung ist verdient: Der bekannte Baumeister De Capitani liess das abgebildete Wohngbäude durch die Architekten Meier Hug nach gewonnenem Studienauftrag erstellen. 

Die Westfassade an der Klopstockstrasse fährt ab Mittag ihre Segel aus. Das Gebäude spricht durch das Ein- und Ausfahren der Tücher, aber auch durch deren angewinkeltes Gestänge. Haben wir hier nicht das, was der Laie nicht nur in Zürich heutzutage so oft vermisst?: Die  Zuwendung zur Aufgabe. Doch nichts ist «Cichi», nichts ist unnötiges verspieltes Zubehör. Es ist vielmehr die Gestaltung des Notwendigen. Haben wir das letztmals bei Häfeli Moser Steiger gesehen – den Architekten des Kantonsspitals 1942-53, des Kongresshauses 1939 und der Siedlung Hohenbühl beim Kreuzplatz 1951? Ebenso gehörten die beliebten Bauten des Flughafens Zürich-Kloten 1953 dazu. 

Eine Überlegung, die angestellt werden kann, ist: woher kommt engagiertes Bauen?  Ist es der «Parzellenstädtebau» mit nicht allzu grossen Grundstücken, die engagierte Bauherrschaften erstellen? Die Grundlage, die Strassen und die Parzellierung, hat historisch gesehen oft die Stadt übernommen. Dann waren es Private oder Genossenschaften, die Parzellen zur Bebauung erwarben. Sie machten in ihrer Zeit das Beste aus der Lage. Sehen wir im Bild, was die Bauherrschaft dem Trottoir zuwendet. 

Die Wahlen 2026 – prägend für Jahrzehnte

Was hat Geologie und Topografie mit den Wahlen in der Stadt Zürich vom nächsten März zu tun? Ein Stadtkörper ist immer ein Eingriff in die Topografie, die durch Geologie geformt ist. Es gibt Städte, die die Topographie interpretieren, überhöhen, beeinträchtigen, überwuchern oder sogar zumüllen. Zürich hat nach einem Vierteljahrhundert von viel zu gross angelegten Hochhauszonen mit seinem Stoppelfeld keine prächtige Bilanz vorzuweisen.

Athen hat mit seiner «Polykatoikia», einem unspektakulären, aber sehr brauchbaren Haustyp, seine Hügel überzogen. Akropolis und Lykabettus (der Üetliberg von Athen) dominieren nach wie vor und die Identität ist trotz dem Häusermeer erhalten. Von Rom auf seinen sieben Hügeln müssen wir nicht sprechen – von der jahrhundertelangen Arbeit kann man nur beeindruckt sein. Von Paris darf man sagen, dass es sich selbst formt: Haussmann, sein Höhenplafonds und die wichtigen Ausnahmen von öffentlichem Interesse, die überragen dürfen. Zürich hat Ende des 19. Jahrhunderts die Topografie mit seinen Quaianlagen grossartig interpretiert und den See in die Stadt einbezogen.

Zum Weiterlesen verweist «zuerivitruv» auf den Artikel «Das Juwel Zürich wieder zum Glänzen bringen» vom 3. Dezember 2025 im Newsletter «Inside Paradeplatz» im Internet. 

Der Artikel beleuchtet den Zusammenhang mit den Wahlen und sieht die Möglichkeit, auf die Zukunft unserer Stadt Einfluss zu nehmen: Z.B. «Im Wachstum schöner und lebenswerter werden».

Städtebau ist eine europäische Tradition

Mit dem Hochhaus stimmen für Europa zwei Faktoren nicht: Das eine ist die hochgestapelte Massenunterbringung mit dem Liftschacht als einzige Nabelschnur zur Stadt. Das Soziale bricht wegen der Masse zusammen und der Bezug zum Quartier ist nicht existent – mit Folgen, vor allem für Familien/Kinder. Das andere ist die Disruption im schön gewachsenen Stadtbild.

Zu den Bildern: Oben der Ausschnitt Garbatella/Rom und ein anonymer Wohnsilo. Unten: Wohnsilos Tramdepot Hard und Projekt Dennlerstrasse.

Die oberen Bilder veranschaulichen «Gestapeltheit» versus «Leben mit Umgebung». In Garbatella bilden mehrere Wohnbauten eine gemeinsamen Platzraum – nicht zu vergleichen mit dem Stapel in Einsamkeit. Hier stellt sich die Frage, warum das kultivierte Europa sich überhaupt auf defizitäre Wohnformen einlassen soll. Die Frage richtet sich sowohl an unseren Stadtrat als auch an die Kommission Hochbau, die gerade die Revision der Hochhausrichtlinien (mit Ausweitung der Hochhausgebiete!) berät.

Meint man, Garbatella sei zu wenig dicht, kommt in der unteren Bildzeile das ziemlich geniale Projekt Dennlerstrasse in die Diskussion. Energie/CO2 spielen eine Rolle und gleichzeitig die Verdichtung: Die Hälfte der Häuser wird erhalten und aufgestockt und der andere Teil neu erstellt. Die bauliche Dichte kann damit verdoppelt werden. Das Zusammenspiel von Alt und Neu schenkt Charakter. Ein weiteres Geschenk ist die Bildung von zwei Höfen und einem zentralen baumbestandenen Platz. Dennlerstrasse ist ein Zukunftsmodell für Dichte und hohe Qualität. Architekten: Esch Sintzel Architkten.

Noch nicht in der Vergleichsbilanz erwähnt ist die Zerstörung des (europäischen) Stadtbildes durch den in Zürich immer noch angetriebenen Hochhauswildwuchs.