Unter dem Radar

Was die langfristigen Folgen betrifft, sind die beiden Hochhausabstimmungen vom 27. September ernst zu nehmen. Sie entscheiden, wie die nächsten Generationen in den Quadratkilometern der orangen Aussenquartiere (siehe letztes Posting) ihr Leben fristen: Mit Bodenbezug oder Hors-Sol. «zuervitruv» ist bewusst geworden, dass sich die Debatte in den Medien unter dem Radar bewegt. Es geht nicht um Hochhaus ja oder nein, es geht um die schicksalshafte Entscheidung, unter welchen Bedingungen Familien ihre Kinder aufziehen. Wir können mit dem Stimmzettel darüber befinden.

Ob die nötige Aufklärung von den Medien noch rechtzeitig erbracht wird? Die Stimmcouverts sind eingetroffen. Inside Paradeplatz hat der Aufklärung noch rechtzeitig Platz gegeben. Sie haben Zugang über Internet und finden den Beitrag mit Datum 1.9.2026 unter dem Titel «Silowohnen zerstört ganze Kinder-Generationen».

Internet & Google: Inside Paradeplatz unter Artikel/Standpunkte. 

Die orangen Gebiete

Orange koloriert sind im Plan die in den letzten Postings erwähnten neuen und zusätzlichen Hochhausgebiete die der Stadtrat in seiner Abstimmungsvorlage vorschlägt. Das Orange trifft im Norden die Quartiere Affoltern, Oerlikon, Seebach und Schwamendingen und im Südwesten Altstetten und Albisrieden. Wie schon früher gesagt, handelt es sich um ganze Quadratkilometer.

Der Gemeinderat hat nach zweijähriger Arbeit am 25. Februar entschieden, diese zusätzlichen Zonen zu streichen. Das macht den Abstimmungsvorschlag des Gemeinderats aus.

Dass hier in diesen Aussenquartieren, wo vorwiegend Familien mit Kindern wohnen, ebenfalls «verhochhäuselt» werden soll, gibt zu denken. Das damit erzwungene Hors-Sol-Leben trifft hier die Falschen. 

Enttäuschend sind die Diskussionen in den Architekturforen gelaufen. «zuerivitruv» war dabei. Die Argumente, dass das Hochhaus für Familien nicht geeignet ist und dass die vom Stadtrat vorgeschlagenen Zonen ausgesprochene Familienquartiere treffe, fand kein Gehör. Die Diskussionen bewegten sich erstens fern der orangen Gebiete und zweitens behinderte eine hochhauslastige Besetzung der Podien die Diskussion über längst bekannte geeignetere Alterativen der Verdichtung. Wir sehen im unteren Bild schönes Beispiel aus Holland.

Inzwischen ist nach aussen gedrungen, die Sektion Zürich des BSA (Bund Schweizer Architekten) werde sich für die Vorlage des Stadtrats einsetzen. Der Erhalt des Spielzeugs Hochhaus hat gewonnen. «Hors-Sol» hat über die Entwicklung schöner lebenswerter Siedlungen gesiegt.

Das Hochhaus – Träne von Kind und Familie

Um es vorwegzunehmen: Die am 26. September zur Abstimmung kommenden Quadtratkilometer von neuen und zusätzlichen Hochhauszonen in den zürcher Aussenquartieren sind für unsere Lebensqualität alles andere als harmlos. Das trifft die Aussenquartiere, wo vorwiegend Familien mit ihren Kindern in Normalbebauung mit Bodenbezug bezahlbar wohnen. Das heisst, dass bis etwa zum 3. Stock (= 4. Etage) Kinder freien Auslauf haben können. Darüber reisst dieser Lebensfaden, der eine erfolgreiche Entwicklung garantiert. Die Nabelschnur des Lifts, die das Kinderleben auf Spielkonsole und Handy reduziert hält auch Spielkameraden fern. Das Hochhaus schliesst die ganzen frühen Lebensbereiche aus, die historisch gesehen, selbst in ärmsten Verhältnissen möglich waren. Das Hochhaus wurde jahrzehntelang nie als Wohnform aus Sicht von Mensch & Bewohner – jung oder alt – hinterfragt. Es gab Warnzeichen, wie 1981 das bekannte Berliner Buch aus der Gropius-Hochhausstadt «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» von Christiane Felscherinow. Der früh verbreitete Ausdruck «Wohnsilo» bezeichnet die hartherzige Massenunterbringung bestens. So alt, wie das Leiden im Silo, ist die Verteidigung des Hochhauses für Wohnzwecke. Das zeigt sich gerade jetzt im Vorfeld der Abstimmung. Die Protektion des Hochhauses für Wohnzwecke kommt aus den erstaunlichsten Ecken. Aus dem Amt für «Städtebau» und von zu vielen Architekten.

Unter den allzu wenigen Stimmen, die sich jetzt der fatalen Meinung entgegenstellen, gehört der wohl bekannteste Städtebauer Europas: Vittorio Magnago Lampugnani. Im fast schon historisch gewordenen Hintergrund verweilt der weltberühmte dänische Städtebauexperte Jan Gehl, gefragter Berater von Städten und Verfasser von grundlegenden Büchern. Remo Largo, ehemaliger Chefarzt des Kinderspitals und Verfasser von Fachbüchern zur Erziehung platzierte seinen berühmten Satz «Sagen Sie mir einmal, wie man im 24. Stock ein Kind aufziehen soll». Im Bild sehen Sie das Titelbild des Buchs «Kindheit ohne Raum» von Marco Hüttenmoser. Er vergleicht unter anderem Kinder von A- und B-Familien die bodennah oder hors-sol wohnen. Eine Grundlage, die alle Siedlungsbauer konsultieren müssten. Allen voran die Amtsstellen, die die sozial gefährliche Vorlage zur Abstimmung bringen. Selbige Botschaft geht an die drei Parteien FDP, GLP und Mitte, welche mit ihrem völlig unnötigen Behördenreferendum die vom Parlament aus dem Programm gestrichenen Quadratkilometer zurückholen wollen. All diese Evidenz wird von den Hochhaustreibern weggewischt und das Kind – unsere Zukunft – soll hartherzig und bodenfern im Silo kaserniert aufwachsen.

Die Hochhäusler von Zürich

Stadtrat André Odermatt ist nach den Wahlen zurückgetreten, doch nicht ohne dem neuen Stadtrat noch ein Kuckucksei in die frische Legislatur zu legen. Sein Nachfolger Tobias Langenegger wird keine Freude haben, denn ein Kuckucksei ist ein Ei, das ein Kuckuck ins Nest eines anderen legt. Im Ei findet sich Odermatts Originalversion der Hochhausrichtlinien mit Quadratkilometern  von neuen Hochhauszonen (orange im Bild). Damit will Odermatt die Fortsetzung seiner schon lange fragwürdig gewordenen Hochhauspolitik dem neuen Stadtrat und der Verwaltung aufzwingen. Uns ist längst bekannt, dass es qualitativ bessere Möglichkeiten für die Verdichtung gibt als das Hochhaus. Für die Nachfolgenden stellt sich – noch in der Formierung begriffen – viel zu früh bereits eine Vitalitätsfrage. Das ist allein schon unfair. Dazu kommt noch der Angriff auf das gereifte Resultat jahrelanger Arbeit der gemeinderätlichen Kommission und des Mehrheitsbeschlusses im Gemeinderat von 25. Februar 2026.

Das ist gefährlich, weil die von den «Hochhäuslern» bereits weitverbreitete irrige Meinung, dass es für Verdichtung das Hochhaus brauche, kurzfristig nur schwer zu begegnen ist. Das weiss natürlich Odermatt und hat Chancen zu gewinnen. Die städtebaulich versierte Leserschaft von «zuerivitruv» wird seine Vorlage natürlich ablehnen. Die Abstimmungscouverts kommen gegen Ende August. Sie sehen: es geht nicht ohne Ihre Hilfe; persönlich und in Ihrem Bekanntenkreis.

Die am 25. Februar unterlegenen FDP und GLP haben das Behördenreferendum ergriffen, damit der Mehrheitsentscheid des Gemeinderats ebenfalls zur Abstimmung kommt. Dazu brauchte es keinerlei Aufwand – eine Unterschriftensammlung erübrigte sich.

Der alte Stadtrat und FDP/GLP/Mitte füttern Baulöwen

Börsenkotierten Grossimmos warten wie Löwen auf Beute. Gemäss Artikel NZZ «Der Anlagenotstand zwingt zu riskanten Wetten auf Betongold» vom 12. August bezahlen sie gegenwärtig unglaubliche Preise, sogar für völlig vernachlässigte Liegenschaften bzw. Grundstücke. Diesen Löwen zu Hilfe kommt der abgetretene Stadtrat Odermatt mit seiner Abstimmungsvorlage prall voll neuer, d.h. zusätzlicher Hochhausgebiete. Das wären Quadratkilometer im ganzen Norden und im Südwesten von Zürich. 

Dazu kommt, dass FDP, GLP und (unglaublicherweise) die Mittepartei mit einem Referendum gegen den Gemeideratsbeschluss vom 25. Februar vorgehen, der ebendiese exzessive odermattsche Erweiterung von Zürichs schon zu grossen Hochhausgebieten abgelehnt hat. 

In der gegenwärtig zugespitzten Situation ist das verantwortungsloses Spiel mit dem Feuer, das innert kurzer Zeit zu einer «Verhochhäuselung» dieser noch bezahlbaren Familienquartiere führen würde. Der Anlagenotstand hätte eine Abbruchwelle zufolge. Und da im 20-40% teureren Hochhaus gegenüber Normalbauweise pro Fall mehr Kapital platziert werden kann, entsteht noch zusätzlicher Anreiz. Das erklärt, warum diese Wohnform nicht mehr bezahlbar ist. In diesen ausgesprochenen Familienquartieren wäre das fatal.

Bei Zustandekommen einer oder beider Vorlagen würde sich das soziale Unglück auch noch in einer weiteren Ausbreitung des unerfreulichen Zürcher Hochhaus-Stoppelfelds in alle diese Randquartiere ausdrücken: «Wuhan everywhere».

Boulevard Rämistrasse?

Die Rämistrasse könnte mehr aus sich machen. Im Bereich zwischen Sonnegg- und Haldenbachstrasse ist sie eine beeindruckende schattige Platanenallee, neben dem neuen Kunsthaus jedoch eine grosse sommerheisse Steinwüste. Das Trottoir misst für Zürich reiche 7 Meter und gähnt vor Leere. Die bauliche Begrenzung ist die abweisende hermetisch geschlossene Steinfassade des Kunsthausneubaus. Trottoir und Fassade heizen sich schon am Morgen auf und strahlen den ganzen Tag – eine wahre Durststrecke.

«zuerivitruv» fragte in den letzten Jahren schon mehrmals beim Tiefbauamt nach den Baumreihen. Die Antworten fielen jeweils ausweichend aus. Offenbar ist der Stellenwert der Rämistrasse in der Stadt Zürich den Behörden noch nicht klar. Es müsste hier ein klassischer europäischer Boulevard durchlaufen, wie es überall auf dem Kontinent der Fall ist, wo ehemals Stadtbefestigungen standen. Unsere Ringstrasse könnte – wie in Wien – zum Begriff werden. «Schärfung des Stadtbildes» heisst dann die gute Tat. Dürfen wir in der neuen Legislatur darauf hoffen?

Der Boulevard im Hitzetest

Nach der fragenbeladenen Klimaanlage folgt jetzt ein Hitzetest des Boulevards – der mit mehreren Reihen von Grossbäumen besetzten Stadtstrasse. Diese Assemblage von Haus und Baum wurde in Paris inszeniert und war durchaus auch atmosphärisch gedacht, im Sinn von «Atmosphäre zur Schaffung von Stadtleben». Der Boulevard beherbergt einerseits die Bewohner der Grosswohnungen in den fünfeinhalbstöckigen «Haussmanniennes» und anderseits Verkehr und Flaneure auf Strassenebene. Der Boulevard ist ein Raum zum Treffen, ein Raum zum Glücklichsein, ein Raum wo Ideen wachsen. Die Augenbrauen der Fassaden sind mit dem Mezzaningeschoss und dem darüber liegenden «balcon filant» hochgezogen. Der reich beschattete öffentliche Raum evoziert Leben, Denken und Kultur. Zwischendurch: Das gibt es auch in Zürich an der Martastrasse beim Idaplatz.

Die jetzt weltweit ausgebrochene Hitzewelle erinnert uns an die neue Aufgabe der Städte, sich bezüglich Klima/Energie/CO2 zu optimieren. Dieser Aspekt rückt den Boulevard mit Schatten und Kühleffekt durch Verdunstung in den Vordergrund. Man kann ihn noch klimatisch verbessern, wie spanische Städte zeigen, die auf Ebene Dachstock Tücher spannen. Eine systematische Bewässerung der Wurzelbereiche ertüchtigt den Baum in seiner Rolle als sanfte Kühlanlage.

Das Wintergeschenk – der Blattfall – lässt die Sonne die Fassaden und Trottoirflächen erhellen und temperieren. Wer auf den Boulevard verzichtet, verliert auch dieses Geschenk. Weil der Boulevard Sommer und Winter klimatisch optimiert und Frühling und Herbst farbig akzentuiert, ist er auf lange Frist ein Gewinner, der sich jetzt ganz rasch vom Verstossensein in der Epoche der Moderne erholt – nicht zuletzt weil er auch eine Antwort auf die Hitze gibt. Im Vergleich lässt er die Europaalee hilflos zappeln. 

La Clim

Der Schlauch zeigt, was jeder zur Kühlung seiner privaten Räume sofort kaufen kann. Das ist ein staubsaugerähnliches Gebilde mit Rüssel durchs Fenster. Gleichzeitig ist es eine klimatische Kurzschlusshandlung. Sie lesen im Bild den Auszug eines Klimatextes aus der heutigen NZZ, der sagt, dass wer kühlt durch Erwärmung der Aussenluft dann alle zwingt, noch mehr zu kühlen. Das widerspricht Immanuel Kants grossem Wort «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein Gesetz werde». Dem Menschen scheint mit der selbstgemachten Erwärmung des Globus ein neues Rätsel vor die Nase gesetzt worden zu sein. Der Klimagalopp und die damit verbundene Klimakeule auf unsere schöne Zivilisation macht es etwas schwer, hier Heiteres zu schreiben. In diesem Posting geht es um die Klimaanlage; französich «La Clim».

Braucht der Städtebau und die Architektur eine kleine Revolution, wie es gerade die westschweizer Tageszeitung Le Temps fragt? Darin wird Peter Braun als «ingénieur équilibriste» erwähnt, der geeignete Gebäude den technischen Massnahmen, die Energie verbrauchen, vorzieht. Das können Vordächer (Brise Soleils), Storen und nicht zu grosse Fenster sein. Hilfreich ist ein Hof mit Bäumen und Brunnen. Damit sind wir bereits in dem uns bekannten Feld des Stadtgewebes, das zu bearbeiten mehr bringt als es dies im Fall von freistehenden Hochhäusern tut, die über den Alleebäumen in der Hitze braten.

Aus Persien kommt die uralte Idee des «tour à vent» der Kühle vom Keller in die Höhe des Gebäudes zieht. Soweit in diesem Posting wird klar: Es braucht neues Denken in der Architektur der Gebäude, wie auch in der Stadt als Ganzes.


Für das Gebäude: Z.B. Vorrichtungen für Beschattung und gute Ventilierbarkeit. 

Für die Stadt: Z.B. Fallwinde aus den Hanglagen beachten und aus der Stadtsilhouette herausragende Strömungshindernisse vermeiden.