Carlos Moreno

Das ist ein Buch, das wir lesen sollten. Wir haben in und um Zürich wenig Platz und reagieren – ohne viel zu denken – mit Hochhäusern, obwohl zu viel dagegen spricht. «Wuhanisierung» ist nicht, was wir wollen. Vier Postings zurück haben wir im Artikel «Bulk» darüber gesprochen, dass jetzt, wo so viele Paradigmen wechseln und sich vieles gleichzeitig bewegt, es ratsam sei, auch vieles neu zu denken und (nach den Wahlen) mit neuen Personen eine neue Synthese zu versuchen.

Packen wir den Personentransport an: Das Lebenskonzept, von höherer Warte am Lenkrad des V8-SUVs jeden Einkauf einzeln über Stadtautobahnen anzusteuern, wird vom guten europäischen Stadtkörper abgestossen. Wir haben es nur zu lange – für Jahrzehnte – nicht bemerkt. «zuerivitruv» greift Carlos Moreno, den Verfasser von «LA VILLE du QUART D’HEURE» – heraus. Seine Qualifikationen sehen wir im Bild. Neben der Arbeit treibt uns die Versorgung mit Lebensmitteln und weiteren Gütern aus dem Haus. Dort packt Moreno mit seinem neuen Buch an. Wenn wir uns in der Stadt intelligenter organisieren, wird ein beträchtlicher Teil des Privat- (und öffentlichen) Verkehrs überflüssig. Das meiste soll dann innerhalb Geh- und Velodistanz erledigt werden und der «Charme» des Lebens wird dabei beträchtlich zunehmen. In den kleinen Distanzen verliert die Geschwindigkeit ihre Bedeutung. Ist «das Oberstübchen einmal neu vermessen» und sind wir in Zürich smart genug, ereignet sich die Transformation fast von selbst. «Smart» heisst: nicht durch Bauen und Zement, sondern durch neue Organisation. Das freut auch die Umwelt.

Wird der Stadtkörper nicht mehr so stark «geplagt», kann das «europäische» daran in Form von Lebensqualität wieder aufleben – das, was wir uns so oft in den Ferien in Italien und Frankreich holen. Wir sehen: ein Strom von Vorteilen und eine ganz grosse Chance für neue starke Persönlichkeiten der Zürcher Politik: Die nächsten Legislaturen können spannend werden.

Hochhäuser verschärfen Wohnungsnot

Was die Arbeitsgruppe Städtebau+Architektur (asaz-arch.ch) heute als Leserbrief im Tagblatt der Stadt Zürich veröffentlichen konnte, verdient es, hier gewürdigt zu werden. Die Botschaft ist ganz knapp: Hochhauswohnungen sind nicht bezahlbar.  Im Text steht auch der Satz: «Man kann tatsächlich nicht teurer bauen, als mit Hochhäusern».

Warum die Behörden und ein Teil der Politik noch immer am Hochhaus festhalten, ist nicht verständlich, kann aber bei den kommenden Wahlen vom 8. März von uns korrigiert werden. Dass sich bei der FDP kein Wandel vollzogen hat, ist offensichtlich. Etwas weniger bei der GLP. Die SVP will keine Förderung. Andere Parteien sind eher ablehnend, wenige im Wandel begriffen.

Zürich – London

Einst pilgerten junge Architekten aus der ganzen Welt nach London um die städtebaulich-architektonischen Aktionen des Greater London Council zu sehen. Dessen Chefarchitekt Hubert Bennett erhielt eine grosse Zahl von Gesuchen um Mitarbeit. «zuerivitruv» erwarb 1969 einen schweren Foliaten mit dem Titel: «Greater London Development Plan – Report of Studies». Daraus das Foto mit dem Titel “Factors of character in central London». Wir sehen ganze Abfolgen von Park- und Strassenfassaden. Das sind solide Grundlagen für städtebauliche Wertungen, die weiterführen und der Öffentlichkeit vermittelt werden können. Gut gemacht, ver-wundern sie zuerst, und werden später be-wundert. Sie werden zur Basis für die nächsten grossen Schritte. Ein solcher Überblick ist uns nach den Wahlen zu wünschen. Wer will, kann dann in Zukunft dabei sein. Das Denken über unsere Stadt wird dann in Fahrt kommen. 

GLC und alles Drum und Dran wurde in der Ära von Margaret Thatcher zerschlagen. Wir kennen den hässlichen Wildwuchs von London mitte-ost um die Kathedrale St. Paul. London hat den Ruf, eine schöne Stadt zu sein, verloren. Daran kann man die Frage studieren, ob es richtig ist, auch im Städtebau zu deregulieren. Das wären dann die viel zu grossen Hochhausgebiete von Zürich. Das kann bis zu den individuellen Gefühlen gehen – dem Aufkommen von Zynismus. Suchen Sie die Abschiedsrede von Anne Hidalgo (Instagram / auf dem roten Sofa sitzend), der Stadtpräsidentin von Paris 2012-26. Eine ganz andere Welt.

Nicht geglückt

So sieht eine Stadtplanung nicht aus. Es gibt sie seit Jahrzehnten in Zürich auch nicht. Der Erlass von Hochhausgebieten allein macht noch keine Stadtplanung. Besonders dann nicht, wenn die Gebiete über die halbe Stadt verstreut sind und wenn Hochhauszonen auch am Südufer der Limmat auftreten und diese in Richtung Schattenkanal lenken. Die Limmat ist ein prädestinierter Freizeitbereich für das neugeformte Zürich West, das sich seit 35 Jahren von der Industriezone zum vielfältigen Stadtquartier entwickelt. Doch keine Amtsstelle befasst sich mit der Zukunft des Limmatraums. Im Gegenteil: kürzlich entstanden die schon oft erwähnten Türme der Siedlung Depot Hard, die den Fluss und sogar den Wipkingerpark beschatten. Wenn in der nächsten Legislatur keine Korrektur kommt, wird unser Fluss definitiv und permanent vom Industrie- zum Schattenkanal mutieren.

Die Bildbetrachtung von Zürich West (Bild: Rahel Zuber, Tages-Anzeiger) führt uns vor, was passiert, wenn Hochhauszonen zu gross angelegt werden. Es ist das bekannte hässliche «Stoppelfeld» entstanden. Ohne weiter ins Detail zu gehen: es entsteht bei uns das innere Bild von Unordnung. Das ist eines der Resultate der in Zürich fehlenden Stadtplanung. Keine Gruppierung der Hochhäuser und auch kein Verzicht auf solche verbunden mit verdichtetem urbanem Flachbau wurde je diskutiert.

Die mit durch die äusseren Umstände von Energie/Klima/CO2 geänderten Paradigmen verlangen andere Regelungen und eine – wie im letzten Posting erwähnt – völlig neue Synthese. Im selben Moment stehen in Zürich die Wahlen an. Hoffnung weckt der Umstand, dass in den für uns wichtigen beiden Departementen (Präsidium und Hochbau) die Stadträte neu gewählt werden.

Bulk

«Bulk» ist auf englisch schiere, verdrängende, erdrückende Masse. Das, was man erleidet, wenn auf der nächsten Parzelle ein Hochhaus aufsteigt. Nach dem Krieg galt im zurückgebliebenen Europa jedes Hochhaus als Fortschritt. Bis 1984, dann hat Zürich den meist unbedarft platzierten Klötzen im Stadtbild per Volksabstimmung eine Absage erteilt. Gebietsmässig auf die Innenstadt beschränkt, weil die Industriezonen (das heutige Zürich West) noch nicht aufgehoben waren.

Der Europäer lebt in seinem schönen und interessanten Stadtgewebe. Wichtige Gebäude setzen aus dem Gewebe herausragende Akzente. Die meist erfreulichen Stadtbilder haben einen zweifachen kulturellen Ansturm aus «Amerika» erfahren: Die Hochhäuser und die Autobahnspaghetti. Gegenwärtig befinden wir uns in einem mehrfachen Umbruch. Vieles vom bisher Fortschrittlichen ist aus Gründen von Energie/Klima/CO2 und der neuen urbanen Lebensart in Frage gestellt. Wohnsilos und Stadtautobahnen sind out. Wusste Zürich, als es sich in den achtziger Jahren für das Tram entschied, dass es im Personentransportwesen einst (heute) an der Weltspitze stehen würde? Jetzt schüttelt man den ganzen Sack voll von Wohnen, Business, Verkehr, Kultur, Freiraum und vielem mehr und ordnet ihn neu. Man kann das kleingeistig mit viel Stöhnen und erleidend tun oder grossgeistig-smart als gegenwartskulturelle Leistung vollbringen. Der Motor, der zur neuen Synthese aller Aspekte drängt, ist die Suche nach dem glücklichen und lebenswerten Gleichgewicht.

Dafür ist das Ende der Bretter vor dem Kopf und der Übergang auf eine fliessende Stadtsilhouette von grosser Bedeutung, denn damit kommt der offene Himmel wieder nach Zürich zurück.

Zu gross, zu grau, zu anonym

Bleiben wir noch ein wenig beim Protest gegen diese grauen Monolithen – wie sie auf tsüri / Verkehrswende-Kolumne geheissen haben. Zwei Betonburgen sind genannt: die Türme der Wohnsiedlung «Depot Hard» zwischen Autobahnzubringer und Limmat und «Letzi» zwischen dem Gleisfeld und der Hohlstrasse. In den Türmen von Depot Hard werden 200 Kinder erwartet und der mäanderförmige Achtstöcker der Bebauung Letzi dient der Unterbringung von kinderreichen Familien. Sein stadtseitiger Abschluss mit einem Hochhaus beherbergt Senioren. 

Diese Baumassen kennen nur die Farbe Grau und das Material Beton. Wir gehen hier so stark ins Detail, weil diese Bauten die Spitze der gegenwärtigen Baukultur der Stadt Zürich verkörpern. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass hier kein «kalter Grossinvestor» kritisiert werden kann. Es ist die Stadt Zürich selbst, die die beiden Architekturwettbewerbe veranstaltet und durch das Raumprogramm die überdimensionierten Klumpen in die Welt gesetzt hat. Damit zwingend verbunden die Stapelung von Menschen in Silos. Die Übergrösse der Klötze stört das Stadtbild und verletzt den Massstab der Strasse. Die Monotonie macht das Trottoir zur Durststrecke, statt mit vielen Bauten zu unterhalten. Man kann das nur als «disruptiv» auf mehreren Ebenen gleichzeitig sehen. Für eine europäische Stadt ist das Gift, für eine chinesische Schnellaufbaustadt nicht.

Lehnen wir zurück: Hier werden im ganz grossen Massstab Lebenssituationen aufgezwungen. Nicht anders als in den schon im 20. Jahrhundert beklagten und gescheiterten Grosssiedlungen von Berlin, Paris oder Glasgow. Damit sei hier bekanntgemacht, dass in einigen Abteilungen der Stadtverwaltung nach den Wahlen «das Oberstübchen neu vermessen» werden muss und dass die neue Administration nach jahrzehntelangem Unterbruch wieder einmal eine Stadtplanung einrichten könnte.

Medien & Städtebau in Zürich

Wie schon zuvor dargelegt, braucht Zürich nach den Wahlen dringend die gestaltende Hand im Hochbaudepartement (Amt für Städtebau) und im Präsidialdepartement (Ressort Stadtentwicklung). Wie die letzten Postings zu zeigen versuchten, müssen sich die zwei genannten Amtsstellen gewaltig ertüchtigen. Wir stellen bis heute fest, dass in den Medieninterviews mit Kandidaten diese für die Biographie unserer Stadt lebenswichtige Qualifikation des Städtebaus (die im Unterschied zu vielen anderen eternell-prägenden Charakter hat) bisher mit keinem einzigen Wort erwähnt worden ist. Liegt «zuerivitruv» deshalb falsch? Zwei Betrachtungen dazu:

Heutige Medienwelt: Das Überfliessen von allzu leicht konsumierbaren elektronischen Medien führt – wie im heutigen Tages-Anzeiger zu lesen ist, zu einer Zuspitzung bei gleichzeitiger Ausdünnung der Themen. Zu lösende Problemfelder, die dazu Diskussion brauchen, fallen heraus und es entsteht an Stelle von demokratischer Arbeit viel nutzloses Geschrei. Das hat auch unser Zürich (mit dem Städtebau und der Stadtgestaltung) auf dem falschen Fuss erwischt.

Eine erfreuliche Überraschung: Gehen Sie auf TSÜRI (tsri.ch im Internet oder auf Instagram) und sehen Sie sich den Kommentar mit dem hier publizierten Bild an. Wo Städtebau bisher kaum Thema war, kommt jetzt eine klare Botschaft. 

«zuerivitruv» steht doch nicht allein da. Erstens wegen seiner treuen Leserschaft und zweitens, weil Thomas Hug-Di Lena sein hauptsächliches Thema der Verkehrswende auf Städtebau und Stadtgestaltung ausgeweitet hat. In seinen Bildern greift er dieselben Bauten, die wir schon bestens kennen, als «graue Monolithen» an. Feiern wir doch für heute dieses Zusammenfinden!  

Kriegserklärung ans Stadtbild von Zürich

Im vorgängigen Kandidaten-Posting blickte Ihnen der kritische Kopf auf dem Schlussstein über dem Eingang des Schulhauses Hirschengraben (1892) in die Augen. Der Architekt soll ihn als Botschaft an die Jugend bestellt haben. Die in diesem Posting gezeigte, inzwischen etwas verblichene Fotografie, erinnert an die kantonale Kriegserklärung an unser Stadtbild im Jahr 2014. Der 6 Mia schwere kantonale Angriff auf den Hangfuss des Zürichbergs hat im städtischen Hochbaudepartement keinerlei Widerstand ausgelöst. An der Vorstellung im grossen Auditorium der Universität haben besorgte Bewohner den städtischen Bauvorstand angefragt und wurden an den Kanton verwiesen. «Aber dieser Eingriff geschieht doch in – unserem – Stadtkörper!». Fünf Jahre später haben vier beherzte Anwohner vor Gericht gewonnen. Dann folgten Verhandlungen. Die 600 Meter lange und 50 Meter hohe Hochhauskulisse hat eine Absenkung von bis zu 30 Metern erfahren. Ein Fall von «Bewohnerstädtebau». Jetzt drehen sich die Kräne.

Historiker werden einst der Frage nachgehen, wie eine solche Fehlleistung überhaupt zustande kommen konnte. Der Standortentscheid, das Kantonsspital in Zürich statt in Dübendorf zu erweitern spielte eine Rolle, aber auch das über 6 Jahre gewachsene Raumprogramm, das dann einfach als Volumenzunami auf den Hang losgelassen wurde. Das durch die Absenz von Städtebau erzeugte Vakuum machte es möglich. 

Aus diesem Grund veröffentlichte Prof. Jürg Sulzer am 18. Mai 2024 in der NZZ am Sonntag den Artikel mit dem Titel: «Auch Zürich hat ein Anrecht auf guten Städtebau».