Sechzig Jahre später als der vorerwähnte Erismannhof erstellten die Zürcher Ziegeleien um 1990 die aus vier Höfen bestehende «Siedlung Tiergarten». Die Lehmgruben waren erschöpft, doch die Produkte der Ziegeleien kamen zur Anwendung. Vermutlich darum findet sich die Siedlung nicht im «Architekturführer Zürich» des Verlags Hochparterre. Denn Backstein, Verputzte Fassaden und Ziegel-Steildächer galten im Zeitalter des (Beton-) Brutalismus als rückständig. Umso ungerechter erscheint diese Wertung aus heutiger Sicht, denn sie bietet genau das, was man oft so schmerzlich vermisst: Wohnqualität auch ausserhalb der Wohnung.
Die Höfe sind verkehrsfrei, das mit Alleebäumen bestückte Strassenkreuz dazwischen praktisch auch. Aus der viergeschossigen Normalbauweise (+ Attika) sind die schön zugeordneten Aussenräume für Familien und Kinder bestens erreichbar. «zuerivitruv» kennt in Zürich kaum bessere Wohnverhältnisse. Im Bild mit Wiese und Pergola wird auch sehr klar, dass es beim guten Wohnen um «Wohnung & Aussenraum» als Einheit geht und dass das in der Schweiz übliche Abstandsgrün nicht genügt. In Schwamendingen sehen wir heute neue Siedlungen, die in Zeilen-, statt im Blockrandmodus wieder nur mit Abstandsgrün geizen. Das macht die verschmähte Siedlung Tiergarten zum Phönix, der aus der Ache steigt. Kommt noch dazu, dass alle Parterrewohnungen einen direkten Ausgang zu einem eigenen Sitzplatz haben.
Der bekannte US-Architekt und Stadtplaner Oscar Newman schrieb schon 1972 über Vorteile, die eine Aufteilung in eine überschaubare Grösse von Höfen in sozialer Hinsicht habe. Im Tiergarten sind es ideale 120 Personen. Es bleibt zu hoffen, dass im noch andauernden zürcher Bauboom die wahren Werte des Wohnens doch noch eine Chance erhalten.